20-7-2006

 

Karoline von Günderrode

 

(1780-1806)

 

 

 

Artikel erschienen am Sa, 22. Juli 2006

 

Liebe

Frag ich die Sterne, sie schweigen

Leben unter einer Glasglocke: Zum 200. Todestag der Dichterin Karoline von Günderrode

Von Tanja Langer

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben. Gedichte, Prosa, Briefe. Herausgegeben von Christa Wolf. Insel, Frankfurt/M. 401 S., 12 EUR.

Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel. 284 S., 19,80 EUR.

 

Ihr Element war das Feuer, auch wenn viele in ihr einen Luftgeist sahen. Sie war in Liebesdingen von tödlichem Ernst, auch wenn manche sie für unverbindlich hielten: Karoline von Günderrode, Dichterin der Romantik, geboren 1780 in Karlsruhe, gestorben mit 26 Jahren in Winkel am Rhein.

Günderrödchen wurde sie gerufen, von Bettine von Arnim, die sie glühend liebte, von Carl von Savigny, der mit ihr kokettierte, von Gunda von Brentano, die ihr den Savigny ausspannte, und von Achim von Arnim, der vielleicht ihr einziger wirklicher männlicher Freund war. Die junge Frau aus verarmtem Adel verkehrte in jenen Kreisen, die Wolfgang Koeppen so treffend wie sarkastisch als "jeunesse dorée" bezeichnet hat, und die sich um 1800 in (und um) Frankfurt am Main in Salons über die Zeit austauschten, die ihnen wie eine Zentrifuge erschien.

Preußen lag im Dauerclinch mit Frankreich, Napoleon besetzte nach und nach, was wir heute Deutschland nennen, Koalitionen mit Rußland wurden geschlossen, der Krieg wanderte wie ein jugendlich frischer Nomade umher. Wie der nur wenig ältere Heinrich von Kleist fiel Karoline von Günderrode aus ihrer Zeit, die so bewegt und offen schien, und zugleich bürgerlich eng und überfordernd war; und es war Christa Wolfs genialer Einfall, eine Begegnung dieser beiden in einem Roman festzuhalten: "Kein Ort. Nirgends". Als dieses Buch 1977 erschien, wurde es ein Besteller in Ost und West. Im Sozialismus wie im Kapitalismus, läßt sich im Nachhinein vielleicht sagen, war das Unglücklichsein in der Welt nicht erwünscht: Christa Wolf aber gab ihm ein Recht und forderte es ein. Zwei Zerrissene stellte sie in einen Raum aufgeklärter, künstlerisch wie politisch interessierter Menschen, die alle etwas besser konnten als Günderrode und Kleist: sich anzupassen nämlich, und das Spiel zu begreifen, nach dem gelebt und geliebt wurde. 1977 in der DDR über zwei radikal subjektiv dichtende Selbstmörder zu schreiben, war ein Wagnis.

 
 

Nähern wir uns der Dichterin über diesen Umweg; er erzählt viel über das deutsche Land. Christa Wolf war durch Anna Seghers auf "die Günderrode" aufmerksam geworden, die sie in ihrer berühmten Rede "Vaterlandsliebe" auf dem I. Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur,1935 in Paris, in eine Reihe mit Büchner, Kleist, Lenz und Hölderlin stellte: "Diese deutschen Dichter", sagte sie darin, in ihrem schweren Hieb gegen den aggressiv platten Nationalismus der Nazis, "schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirn wund rieben. Gleichwohl liebten sie ihr Land." Christa Wolf erfuhr in den sechziger Jahren von der Dichterin, die 1804 mit 24 ihre ersten Gedichte unter dem Pseudonym "Tian" veröffentlichte; der zweite Band folgte im Jahr darauf, und auch das Pseudonym war bald gelüftet. Die Reaktionen waren spöttisch wie bewundernd; als männlich kühn wurden ihre Texte beschrieben, aber auch als ungenügend und verworren.

Worüber aber schrieb die junge Frau, die in Frankfurt am Main in einem Stift für mittellose, unverheiratete Fräuleins untergebracht war? Sie schrieb über Liebe, Leidenschaft, Tod und Verlust, sie schrieb in der damals üblichen Rhetorik zwischen Naturlandschaft und Abendrot, doch ihr Blickwinkel war genuin weiblich, ihre Erfahrungen heikel, ihr Ton: rabiat. Das gefiel, das mißfiel, das war manchem unheimlich. "In Freiheit doch gefangen. / In Stummheit Sprache / Schüchtern bei Tage" hieß es im Gedicht "Liebe". Unerschrocken beschrieb sie die Abgründe, in die eine unglücklich Liebende stürzen konnte, das sinnliche Feuer, das sie erlebt. Auch wenn sie sich aus gesellschaftlicher Rücksichtnahme in manchen Gedichten hinter einem männlichen lyrischen Ich verbirgt, sich als Don Juan etwa verkleidet, was eine eigene kritische Dimension hat; auch wenn Karoline von Günderrode Novalis und Hölderlin verehrte - hier schreibt eine in der ungeschützten Tradition Sapphos.

Aber nicht nur Gefühle, auch die Zeit, in der sie lebt, ist ihr Thema: "Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt, / Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen. / Des Glaubens Höhen sind nun demolieret./ Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand, / und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuen."

Christa Wolf konnte diesen materalismuskritischen Aspekt 1979 in ihrem großartigen Essay über Karoline von Günderrode, "Der Schatten eines Traumes", glücklich aufgreifen, um aus dieser Deckung heraus Kritik am eigenen System zu üben. Sie leitete damit eine Auswahl von Gedichten, Texten und vor allem Briefen Günderrodes (und derer, die sie kannten) ein, die damit erstmals einem größeren Publikum bekannt wurden. Die Briefe, die um 1800 rege gewechselt wurden, zeigen Karoline von Günderrode als hellsichtige Psychologin, deren Sprache in einem freien Rhythmus fließt, um erlebte Zerrissenheiten aufzudecken. Die hochgebildete Karoline von Günderrode verfiel nämlich der Liebe, und weil sie eigen war, überaus lebendig bei aller Zurückhaltung und Melancholie, und schön, verfielen ihr auch einige Herren. Doch diese verstanden sich auf ein Spiel, dessen Regeln sie nicht begriff, vielleicht nicht einmal begreifen wollte, auch wenn es sie geschützt hätte.

Nackt stürzte sie sich hinein, und kein Savigny, der ihr den Hof machte, kein Clemens von Brentano, der sie bestürmte, hätte Ernst gemacht mit ihr, ganz zu schweigen von dem neun Jahre älteren Gelehrten Friedrich Creuzer, in den sie sich auf Leben und Tod verliebte. Er versprach ihr, sich scheiden zu lassen, er zog sich zurück (man warnte ihn vor der Ehe mit ihr!), er zerrte sie über zwei Jahre - zwischen 1804 und 1806 - durch Himmel und Hölle. Ein intelligenter Mann, mit dem sie sich austauschen konnte, doch am Ende ein kleinlicher Feigling, gefangen in seinen Zwängen. Diese Briefe sind wie ein Krimi zu lesen, ein frühes Dokument einer klassischen Geliebten-Position, scharfsinnig das Machtgefälle zwischen Mann und Frau in der Liebe analysierend, noch im größten Schmerz.

In einem Brief an Gunda von Brentano, ein gerissenes Mädchen, das sich bei der Günderrode einschmeichelt, um etwas über den angepeilten Savigny zu erfahren, schreibt Karoline von Günderrode: "Ich war dir schon mehrmals ein ... treuer Spiegel, in dem du dich beschauen konntest; ja ich warf dir das empfangne Bild mit groser Aufrichtigkeit zurük; niemals aber habe ich mich noch in dir beschaut, sage mir, wie kommt das?" Im und mit dem anderen sich finden, ist ihr dringendstes Bedürfnis; wie heutig mutet es an, wenn sie in der "Geschichte eines Braminen" schreibt, wie die Verlassenheit im Leben von der lieblosen Behandlung in den frühen Kinderjahren herrührt, von einer kalten Sprache der Eltern. Sie will sehen und gesehen werden, in einem emphatischen Sinn; und es kommt gewiß nicht von ungefähr, wenn sie so oft über Kopfschmerzen klagt und ihre schlechten Augen, wegen denen sie auf schonend grünem Papier schrieb oder diktieren mußte. Alles zu sehen, was sie verletzte, war zu viel. Andere fanden sie kalt oder "in der Seele gespalten", da sie von sich in der dritten Person zu reden wußte: ganz klar die schriftstellerische Disposition schlechthin.

Braun war ihr Haar, blau ihre Augen; sie zeichnete ihre Brauen mit Kohlestift nach. Eine Silberbirke war sie, flirrend, wach, verführerisch weich. "Der sanfte, blaue Blick" verwirrte von Arnim; Savigny hatte Angst vor ihrem "starken männlichen Geist". Bettine schrieb einen Roman, um das Andenken an sie zu bewahren. Sie erzählt von dem Dolch, der Günderrodes ganzer Stolz war, mit seiner scharfen, blinkenden Klinge. Bettine, bestürzt über den Ernst, mit dem Karoline auf dem Freitod als letzter Möglichkeit beharrte, hieb ihn in Sofa und Sessel, bis die Fetzen flogen: Sie wollte das Ding stumpf machen. Es hat nichts genutzt.

Die Brentanos hatten ein schönes Haus in Winkel am Rhein, man kann es noch heute besuchen, dort trafen sich die Frankfurter oft. Zwei Minuten davon entfernt der Zietenhof, Karoline von Günderrodes letzte Unterkunft. Dort erfuhr sie am 26. Juli 1806, daß Creuzer endgültig mit ihr brach. Es war nur ein letzter Tropfen auf den heißen Stein. Karoline von Günderrode fühlte sich eingesperrt in ihrem Leben, wie die Figur des Dichtergottes Apoll, die sie besaß: unter einer Glasglocke.

Der Rhein, glitzernd und blau, die sanften Weiden. Sie hatte Steine in ein Tuch um den Hals geschlungen, doch der Dolchstich genügte. Im roten Kleid fand man sie. "Heiliges Feuer, mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom, / Und mein Vater, der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht / Freundlichen Dank; mit euch hab ich hienieden gelebt; / Und ich gehe zur andern Welt, euch gern verlassend."

 

 

Der TAGESSPIEGEL

 

(26.07.2006

Liebeswach, lebensmüde

Romantik und Revolution – zum 200. Todestag der Dichterin Karoline von Günderrode

Von Rüdiger Görner

Sie war eine Dichterin zwischen Klassik und Romantik. Goethe hatte sich wohlwollend über ihre ersten lyrischen Versuche geäußert; er witterte Können und einen gewissen Drang zu klassischen Formen und Inhalten. Ariadne auf Naxos besang sie in einem Gedicht, ebenso „Buonaparte in Egypten“, den sie „die Säule der würdigeren Freiheit“ nennt. Aber Karoline von Günderrode, das verarmte Stiftsfräulein mit dem großen Herzen, war keine Winckelmann-Griechin; die Antike lieferte ihr keine Maßstäbe, sondern Stoff – zum Träumen.

Und die Romantiker? Clemens Brentano war ihr schwärmerisch zugetan, verübelte ihr aber ihren poetischen Eigensinn, ihren Drang, als Dichterin aufzutreten. Als er eine Probe ihrer Arbeiten gelesen hat, schreibt er an Karoline: „Das ganze muß eine Epoche in Ihrem Leben sein, Sie können nicht gut zurücktreten … Traurig werde ich oft, wenn ich einen neuen Schriftsteller auftreten sehe, denn es ist ein Beweis, daß die Menschen keine Freunde mehr haben, und jeder sich an das Publikum wenden muß.“ Zwar billigt er ihren Arbeiten Kunstsinn zu, aber er schränkt sogleich ein: „Das einzige, was man der ganzen Sammlung Böses vorwerfen könnte, wäre, daß sie zwischen dem Männlichen und Weiblichen schwebt, und hier und da nicht genug Gedichten, sondern sehr gelungen aufgegebenen Exerzitien oder Ausarbeitungen gleicht.“ Mit anderen Worten: All das sei kuriose, androgyn verwirrte Stiftsfräuleinpoesie.

Heute hat sie einen anderen Ruf. Die Frauenbewegung entdeckte in der 1780 in Karlsruhe geborenen Tochter des badischen Kammerherrn Hector Wilhelm von Günderrode eine historische Komplizin, ja eine Märtyrerin im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Christa Wolf ließ sie in „Kein Ort, nirgends“ auftreten, ähnlich wie Hans Magnus Enzensberger mit dem (später verfilmten) „Requiem für eine romantische Frau“ ihre Leidensgefährtin Auguste Bußmann würdigte: „Requiem“ versammelt den Briefwechsel zwischen Bußmann und Clemens Brentano. Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel, Bußmann und Günderrode: lauter eigensinnige Frauen, Projektionsfiguren des Feminismus.

Damals wollte man „das Günderrödchen“ nicht ernst nehmen. Dabei entdeckte Friedrich Carl von Savigny zu seinem gespielten Entsetzen, dass Karoline noch im Januar 1804 „republikanische Gesinnungen“ habe und einen „ordentlichen Rest von der Französischen Revolution“. Er neckte sie: „Nun, es soll Ihnen verziehen sein, wenn Sie versprechen wollen, sich noch manchmal dafür auslachen zu lassen.“ So klingt der klägliche Humor eines Rechtsgelehrten.

Nach der Begegnung mit Savigny wurde bei Karoline von Günderrode dennoch die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren wach, nach einer Ehe ohne Bürgerlichkeit und Konvention, nach einer freien Lebensgemeinschaft, die sie später vergeblich mit Georg Friedrich Creuzer anstrebte. Der war ein unglücklich verheirateter Philologe aus Heidelberg, eine unerschöpfliche Wissensquelle über Mythen und Metren, ein Gelehrter mit anfangs reger Fantasie und Leidenschaft für „die“ Günderrode, vor der ihm jedoch angst und bange wurde. Er überlebte sie, seine Leidenschaft und sich selbst um ein gutes halbes Jahrhundert und brachte es nicht über sich, in seinen Lebenserinnerungen Karoline auch nur zu erwähnen.

Günderrodes seelischer Anspruch, ihre Vereinigungssehnsucht überforderte und zermürbte Creuzer. Am Ende, nach einer letzten Begegnung mit Karoline, wusste er sich nur noch mit einem Brief zu helfen, in dem er Punkt für Punkt zwischen sich und ihr eine Grenze zog. „Punkt vier“ des einseitigen Keuschheitskontraktes lautete: „Von jetzt an mußte ich meiner Empfindung gegen Dich ein Maß setzen und setzte es, mußte abmessen den Grad meiner Annäherung, oder Dein Glück oder Unglück war mir gleichgültig und ich liebte Dich nicht.“ Eine Grenze um der Liebe willen. Und Punkt fünf legte fest, „daß ein anderer Dich zum Ziele hinführe, das jede Jungfrau natürlicherweise haben muß, da ich es selbst nicht darf“.

Für Karoline von Günderrode bedeutete dieser Kodex die eine Grenze zu viel. In einem ihrer letzten Briefe gestand sie, dass sie eigentlich lebensmüde sei. „Ich fühle, daß meine Zeit aus ist, daß ich nur fortlebe durch einen Irrthum der Natur.“ Sie behielt es sich vor, diesen Irrtum selbst zu korrigieren: Grenzerfahrungen einer Liebenden, ein Tasten zwischen Erfüllung und Entsagung.

Auch wenn Karoline von Günderrode poetisch einem Panamorismus huldigte – „überall Liebe“ –, konnte es gerade für sie kein unbeschwertes Lieben geben. Immer drängte sich ihr die Frage auf: „Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?“ Je aussichtsloser ihre Liebe wurde, desto mehr sah sie sich genötigt, ihre Gefühle narzisstisch zu interpretieren. Bezeichnend ist dabei, dass sie die Liebe von Narziss nicht nur als Eigenliebe wertete, sondern als ein Bekenntnis zur Treue – zu sich selbst. Narziss habe sich, so Günderrode, im Spiegel des Teiches nicht in sein Ebenbild verliebt, sondern es als Aufforderung angesehen, sich selbst treu zu bleiben und dem „Gegenstande / Dem ich mich gebe in der Liebe Bande“. Günderrodes Narziss versteht Lieben als eine Form der Anverwandlung.

Auf ihre eigene Lage bezogen, bedeutete das: Creuzer war Teil von ihr geworden. Als er den Abschied von seiner „Lina“ erzwang, war es für sie nur folgerichtig, auch Abschied von sich selbst zu nehmen. „Siehe, so konnte ich das Zarteste für Dich verletzen. Drücke es an Deine Lippen; es ist meines Herzens Blut!“ Mit diesen Worten übersandte sie Creuzer ihr „zärtliches Pfand“, ein Schnupftuch mit ihrem Herzblut.

Was ist das? Ein Ausdruck von Sentimentalität oder Märtyrertum? Karoline von Günderrodes Freitod in Winkel am Rhein im Jahr 1806 zeugte von ausgebluteter Liebe, nicht von romantischer Todessehnsucht, von verweigerter Entsagung bis zuletzt, nicht von Wertherscher Überspanntheit. Ihr wäre, und das wusste sie, auf Erden durchaus zu helfen gewesen, durch einen entschlosseneren, beherzteren Creuzer, durch Freunde, die in ihr nicht nur das Günderrödchen, sondern das gesehen hätten, was sie war: eine philosophierende Dichterin.

Sie sprach von ihrem „gemißhandelten Herzen“, sie litt an ihrer Schattenexistenz, an ihrer Weiblichkeit, ihrem Sich-inalles-einfühlen-Können. Aber sie litt auch am Kleingeistigen und allzu Beschränkten ihrer Umgebung. Deren enge Grenzen ironisierend, sprach sie von einem „pygmäischen Zeitalter, einem pygmäischen Geschlecht“, das regiere, ohne Vision, ohne Sinn für das Erträumen von Wirklichkeit. Und das mitten in der Romantik!

In dieser Spannung zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit lebte und litt Karoline von Günderrode, wenn sie ihr spezifisches künstlerisches Gewicht in jenen gesellschaftlichen Verhältnissen ermitteln wollte, oder wenn sie sich nach dem erlösenden körperlichen Vollzug ihres Liebens sehnte, wobei sie ihr Liebesverhältnis aber gleichzeitig „rein“ erhalten wollte. Was erträumte sich Karoline von Günderrode in diesen poetischen Visionen? Was galt ihr diese „andre Welt“? Wenn es auf diese Fragen eine Antwort gibt, dann in ihrer dichterischen Sprache.

Bei aller seelischer Drangsal war Günderrode in einer Hinsicht doch privilegiert: Als Dichterin hatte sie jenen room of her own, den abgegrenzten Freiraum, den später Virginia Woolf für die (schreibende) Frau als Grundbedingung ihrer Selbstverwirklichung reklamieren sollte.

Freiheit durch Rollenverweigerung erwirken und das Ziehen eigener Grenzen wagen: Diesen Versuch hat Karoline von Günderrode mit einer Radikalität durchgeführt, die für sie existenzielle Folgen haben musste.
An diesem Experiment zerbrach sie.

 

FRANKFURTER RUNDSCHAU

Erscheinungsdatum 26.07.2006
 

Zu wissbegierig für ihre Zeit

Auf so vieles musste sie verzichten: Heute vor zweihundert Jahren starb die unglückliche Dichterin Karoline von Günderrode

VON RENATE WIGGERSHAUS

 

Die Bücher
Dagmar von Gersdorff:

"Die Erde ist mir Heimat nicht geworden." Insel Verlag, Frankfurt / M. 2006, 284 Seiten, 19,80 Euro.

Bettine von Arnim:
Die Günderode. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt / M. 2006, 1200 Seiten, 18 Euro.

Karoline von Günderrode:
"Einstens lebt ich süßes Leben."
Gedichte.Prosa.Briefe.
Hrsg. von Christa Wolf. Insel Verlag, Frankfurt/M. 2006, 410 Seiten, 12 Euro.

"Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir." So die 21jährige Karoline von Günderrode an die gleichaltrige Freundin Gunda Brentano, Schwester von Bettine und Clemens Brentano. Das Verlangen, dem als minder geltenden Status der Frau zu entkommen, zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Frauenliteratur des frühen 19. Jahrhunderts. Dürfte ich "lernen wie die Knaben" (Fanny Lewald); "Wär ich ein Mann doch mindestens nur" (Annette von Droste-Hülshoff); "Ach ich möchte ein Knab sein" (Bettine Brentano) - solch ein vergebliches Verlangen nach Autonomie und Gleichheit führte nicht selten ins gesellschaftliche Abseits.

Unter den vielen mit ihr befreundeten Menschen gab es wohl niemanden, der von Karoline von Günderrode gesagt hätte: Sie ist eine von uns - ausgenommen Bettine Brentano. Diese blieb der fünf Jahre älteren Freundin und geistigen Lehrmeisterin Zeit ihres Lebens in Treue und Dankbarkeit verbunden. Sie war es auch, die mit ihrem "den Studenten" gewidmeten Briefroman Die Günderode die nach ihrem frühen Tod von vielen rasch vergessene Schriftstellerin wieder in Erinnerung brachte, ja, eine jüngere Generation erst mit ihr bekannt machte.

Karoline von Günderrode wurde am 11. Februar 1780 als erstes von sechs Kindern geboren. Der Vater, Regierungsrat beim Markgrafen von Baden, starb bereits 1786, drei Wochen nach der Geburt seines einzigen Sohnes. Die Mutter - wie ihr verstorbener Mann aus einem alten hessischen Adelsgeschlecht stammend - zog mit ihren sechs Kindern in die Residenzstadt Hanau, wo sie am Hof des Erbprinzen Wilhelm und der Kronprinzessin Auguste von Hessen-Cassel verkehrte. Weil sie sich in ihrem verschwenderischen Lebensstil nicht einschränken mochte, gab sie ihre älteste Tochter, die allseits als schön und hochbegabt, liebenswürdig und sanft gepriesene Karoline, in das evangelische Cronstett-Hynspergische Damenstift am Frankfurter Roßmarkt.

Die Leserin

Die strengen Vorschriften wurden zwar, was Kleidung, Reisen oder Besuch betraf, für die mit Abstand jüngste Stiftsdame gelockert, dennoch fühlte sie sich fremd und eingeengt. Einen gewissen Freiraum schuf sie sich - trotz Kopfschmerzen und Augenproblemen - durch autodidaktische Studien. Sie las ungeheuer viel: Goethe und Schiller, Novalis und Jean Paul, Schlegel und immer wieder Hölderlin, der zu Beginn ihrer Stiftszeit in unmittelbarer Nähe als Hauslehrer bei den Gontards am Großen Hirschgraben lebte. Sie las Kant und Fichte, Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit und Schleiermachers Reden über die Religion, legte Arbeitshefte zur Geographie, Metrik, Physiognomik an und ließ sich von Lektüre, die sie begeisterte, zu eigenen Dichtungen anregen. 1804 erschien unter dem männlichen Pseudonym "Tian" Günderrodes erstes Buch: Gedichte und Phantasien. Es hebt an mit der nordischen Ballade "Darthula nach Ossian". Ossians Gedichte wurden damals begeistert gelesen - von Herder über Goethe bis zu den Romantikern, in der irrigen Annahme allerdings, es handele sich nicht um die Produkte eines schottischen Zeitgenossen, sondern um originale Heldenlieder eines keltischen Barden. Bei der Lektüre, so Günderrode an Gunda Brentano im August 1801, habe sie "der alte Wunsch einen Heldentod zu sterben mit großer Heftigkeit" ergriffen.

Der Tod ist neben Freundschaft und Liebe, Natur und Kunst ein zentrales Thema in Günderrodes schmalem, aber alle Gattungen umfassenden Werk. Karoline war sechs, als ihr Vater starb, vierzehn, als ihre ein Jahr jüngere Schwester qualvoll an Tuberkulose zugrunde ging. Als 1801 ihre Lieblingsschwester Charlotte starb und 1802 ihre jüngste Schwester Amalia, wachte sie wochenlang an deren Krankenlagern. Nach Charlottes Tod hatte sie sich auf der Frankfurter Ostermesse einen Dolch gekauft, den sie auf Reisen bei sich trug. Daran erinnerte sich Achim von Arnim, nachdem sich Karoline von Günderrode mit eben diesem Dolch das Leben genommen hatte.

In ihrer Dichtung bedeutete der Tod allerdings kein endgültiges Auslöschen. Der Tod, so belehrt der Meister in dem Dialog "Die Manen" seinen Schüler, sei nur "ein chemischer Prozeß, kein Vernichter, er zerreißt das Band zwischen mir und ähnlichen Seelen nicht", trennt nur das nicht Zusammengehörige. Glücklich pries die Dichterin die, "denen vergönnt ist zu sterben in der Blüte der Freude, die aufstehen dürfen vom Mahle des Lebens, ehe die Kerzen bleich werden und der Wein sparsamer perlt".

Die Männer


Jedoch bedeuteten solche Gedanken, wie sie sich ähnlich bei Goethe, Novalis, Kleist oder Hölderlin finden, durchaus nicht, dass Günderrode nicht mit allen Fasern ihres Lebens gelebt hätte.
"Lebendger Wandel", lässt sie Narziß in dem Gedicht "Wandel und Treue" sagen, "buntes reges Streben! Strom! In dich ergießt sich all mein Leben". Sie lässt sich von der Natur, von Landschaften bezaubern, dichtet über den "königlichen Rhein", begeistert sich für die Kunst, besingt den "Dom zu Cölln", schreibt in "Die eine Klage":

 

"Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück."

1799 hatte Caroline von Barkhaus Karoline von Günderrode auf ihr Landgut in Lengfeld im Odenwald eingeladen. Zu Gast war außerdem der ein Jahr ältere Jura-Student Friedrich Carl von Savigny, der - wie Günderrode - sehr früh ein großes Maß an Unglück erfahren hatte. Von den zwölf Savigny-Kindern hatte nur er überlebt. Nach dem Tod von Vater und Mutter wurde der zwölfjährige Junge - einziger Erbe eines großen Vermögens und des Hofgutes Trages bei Gelnhausen am Rand des Spessarts - von einem Freund der Familie in Wetzlar erzogen. Später wurde er einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten seiner Zeit. Die beiden jungen Leute kamen sich auf Ausflügen, in Gesprächen, beim Vorlesen von Goethe-Texten näher und verliebten sich ineinander. Einzig auf politischem Gebiet gingen ihre Meinungen auseinander. Der konservative Monarchist Savigny kritisierte Günderrodes republikanische Gesinnung. Sie verteidigte in ihrem noch im selben Jahr entstandenen "Buonaparte"-Gedicht den "schönen Morgen der Freiheit", ohne die "blutigen Thränen" zu vergessen, die die Befreiung aus den "Banden der Knechtschaft" kostete. Savigny hinterließ einen tiefen Eindruck bei Günderrode.

Sie bat ihre Freundin Caroline von Barkhaus, ihr zu schreiben, wenn sie etwas von Savigny höre, "verargen Sie mir diese Bitte nicht, es ist ja das Einzige, was ich von ihm haben kann, der Schatten eines Traumes". Den "Schatten eines Traums" nennt Güldenstern in Shakespeares Trauerspiel Hamlet dessen Vorschlag, er könne aus Dänemark ein freies Land machen. Bei Günderrode klingt der Satz wie eine scheu vorauseilende Erklärung des Verzichts auf eine ersehnte Liebe.

Als Savigny im April 1804 die praktisch veranlagte, besitzergreifende Gunda Brentano heiratete, erklärte er Günderrode, die Beziehung zwischen ihnen hätte womöglich eine Zukunft gehabt, wenn sie weniger zurückhaltend gewesen wäre. Zur Hochzeit schickte sie ihm ein Sonett: "Der Kuß im Traume", in dem sie zunächst auf den realen Kuss zwischen ihnen in Lengfeld anspielt - "Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht" -, um dann ihren Rückzug ins Reich der Träume anzutreten: "Drum leb ich, ewig Träume zu betrachten".

Ein Brief aus Trages, wohin sie zur Hochzeit eingeladen war, gibt ihre Stimmung wieder: "Träume umschweben mich, mein Bewußtsein verliert sich in der Betrachtung. So mag es einem Sterbenden sein, das Bewußtsein wird immer schwächer und unterbrochner; Träume umhüllen es immer dichter und vermählen sich mit den Gestalten der Wirklichkeit, bis diese ganz schwinden und der Träumer zum Traum wird. In Träumen ist die Ewigkeit, da gelten nicht die Berechnungen der Zeit, im Traum ist Seligkeit, und alle Seligkeit ist nur erträumt."

Während sie an der Zusammenstellung eines zweiten Bandes arbeitete, der 1805 unter dem Titel Poetische Fragmente und wieder unter dem Pseudonym Tian erschien, lernte Günderrode in Heidelberg den renommierten Altphilologen Friedrich Creuzer kennen. Er war im Frühjahr desselben Jahres auf Empfehlung seines einstigen Studenten Friedrich von Savigny an die neu gegründete Heidelberger Universität berufen worden. Schon beim ersten Treffen entwickelte sich zwischen dem 33jährigen liebenswürdigen und trotz seines hohen Ansehens bescheidenen Mann und der so belesenen wie wissbegierigen 24jährigen Karoline ein lebhaftes Gespräch. Creuzer, der fünf Jahre zuvor eine Vernunftehe mit der vermögenden, dreizehn Jahre älteren Witwe seines einstigen Professors eingegangen war, verliebte sich heillos in die wie Jugend und Sonnenschein in sein Leben tretende "Zauberin der Poesie".

Eine für beide äußerst befruchtende und beglückende Zusammenarbeit begann. Für ihre Treffen stellte ihnen Günderrodes Freundin Susanne von Heyden den Großen Kettenhof, eine alte umgebaute Wasserburg mit einer damals herrlichen Aussicht auf Rödelheim, zur Verfügung. Doch den schon bald gefassten Scheidungs- beziehungsweise Heiratsplänen stellten sich Creuzers Frau, seine Verwandten und Freunde entgegen. Günderrode, der Creuzer inzwischen alles bedeutete, der ihr Lehrer, Geliebter und väterlicher Freund in einem war, mahnte: "Die Freundschaft wie ich sie mit Ihnen meinte war ein Bund auf Leben und Tod." Doch Creuzer, obgleich er seinen "Engel", seine "liebevolle Seele", sein "göttliches Mädchen" weiter begehrte und eifersüchtig über ihre Beziehungen zu anderen wachte, rückte - wankel- und kleinmütig geworden - von ihr ab. Günderrode kämpfte bis zuletzt, brach sogar Creuzer zuliebe mit den Brentanos, selbst mit Bettine, die er "kokett", "faul" und "egoistisch" fand. Einer Freundin schrieb sie danach, sie sei "lebensmüde", sie fühle, dass ihre Zeit aus sei, dass sie nur fortlebe "durch einen Irrtum der Natur".

Das Ende

In Winkel am Rhein, wo sie im Haus des Kaufmanns Joseph Mertens - heute Weingut Ohlig - bei einer Freundin zu Besuch weilte, erreichte sie die Nachricht von Creuzers endgültigem Bruch mit ihr. Heiter erklärte sie der nichtsahnenden Freundin, sie wolle noch einen Abendspaziergang machen. Da sie nicht zurückkehrte, suchte man nach ihr und fand sie erdolcht auf einer weidenbewachsenen Landzunge am Rhein. Die Selbstmörderin wurde an der Kirchhofsmauer in Winkel beigesetzt. Die Grabinschrift auf dem 1927 von den "Rheinischen Dichtern" erneuerten Stein ist ein von Günderrode abgeänderter Spruch aus Herders Zerstreuten Blättern: "Abschied des Einsiedlers".

"Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,

Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab' ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!"

Wer zur 200. Wiederkehr ihres Todestags mehr von und über Karoline von Günderrode lesen möchte, sieht sich recht gut versorgt. Es gibt da zum einen die 1990 von Walter Morgenthaler im Verlag Stroemfeld/Roter Stern herausgegebene dreibändige historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Werke und eine 1992 unter dem Titel Ich sende Dir ein zärtliches Band von Birgit Weißenborn chronologisch geordnete Sammlung der Briefe von und an Günderrode. Ferner liegt nun Band 1 der im Deutschen Klassiker Verlag erschienenen Ausgabe der Werke und Briefe Bettine von Arnims, der Briefroman Die Günderode, als Taschenbuch vor und ist Christa Wolfs 1979 erschienene und mit einem emphatischen Essay eingeleitete Sammlung von Günderrode-Texten unter einem neuen Titel neu aufgelegt worden. Und Dagmar von Gersdorffs mit Empathie und Sachkenntnis geschriebene Biographie bietet einen gelungenen Überblick über Leben und Werk einer Dichterin, der in ihrem kurzen Leben so Vollkommenes gelang wie das erst aus dem Nachlass veröffentlichte Gedicht "Hochroth":

"-Du innig Roth
Bis an den Tod
Soll meine Lieb dir gleichen
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod
Du glühend Roth
Soll sie dir gleichen"

 

N Z Z   Online 

26. Juli 2006, Neue Zürcher Zeitung

Der Sturz in den Himmel

Vor 200 Jahren beging Karoline von Günderrode Selbstmord

Manfred Koch

Zum Gedenkjahr neu aufgelegt: Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und Ausgewählte Studien. Historisch-Kritische Ausgabe. Hg. v. Walter Morgenthaler. Stroemfeld-Verlag, Basel und Frankfurt am Main. 3 Bde., Fr. 82.50.

Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel-Verlag, Frankfurt am Main. 284 S., Fr. 35.80.

 

Im Alter von 26 Jahren ging die Dichterin Karoline von Günderrode am 26. Juli 1806 in den Tod. Sie verkehrte im Kreis der Brentanos und hatte als Verfasserin von Gedichten und Prosa einen gewissen Ruhm erlangt. Zerbrochen ist sie jedoch an den starren Rollenbildern der Zeit.

Ihr Leben war eine anhaltende Beschäftigung mit dem Tod. Im Alter von sechs Jahren verliert die 1780 in Karlsruhe geborene Karoline von Günderrode ihren Vater. Mit siebzehn wird sie von der ungeliebten Mutter aus Kostengründen in ein Altjungfern-Stift in Frankfurt gesteckt. Als sie zweiundzwanzig ist, liegen drei ihrer vier Schwestern bereits unter der Erde. Karoline hat sie sterben sehen, sie hat die Tuberkulosekranken bis an ihr qualvolles Ende gepflegt. Es erscheint fast folgerichtig, dass der erste Mann, in den sie sich verliebte, einen noch trostloseren Familienhintergrund aufwies. Friedrich Carl von Savigny, der spätere berühmte Rechtsgelehrte, war im Alter von zwölf Jahren Vollwaise geworden, seine elf Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt schon alle tot.

Der Tod als der wahre Liebhaber

Als Karoline ihn kennen lernt, hält sie die sofort verspürte Zuneigung zunächst für «Teilnahme an dem sanften Schmerz, den sein ganzes Wesen ausdrückt». Dann gesteht sie sich ein, dass es Liebe ist. Lange bevor Savigny aber eine andere wählt, in einer Phase also, in der durchaus Hoffnung auf Erfüllung besteht, bestellt sie Goethes «Werther» und schreibt anmutige Todesbetrachtungen in ihr Studienheft. Es entsteht ein Gedicht, das in seiner liturgischen Knappheit nicht typisch ist für ihren lyrischen Stil (sie wird sehr viel weitschweifiger werden), wohl aber die Themen präsentiert, von denen ihr künftiges Werk ausschliesslich handelt: Liebe und Tod, bevorzugt auch deren tragisch- rauschhafte Vereinigung im Liebestod. «Du innig Rot / Bis an den Tod / Soll meine Lieb dir gleichen, / Soll nimmer bleichen, / Bis an den Tod, / Du glühend Rot, / Soll sie dir gleichen.»

Hat Karoline von Günderrode in allen amourösen Verstrickungen, auf die sie sich einliess, letztlich nur den Tod als wahren Liebhaber gesucht? Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen. Die zweite grosse Liebe ihres Lebens, der Heidelberger Altertumsforscher Friedrich Creuzer, ist zwar ein genialer Kopf; als «Mythen-Creuzer» wird er sechs Jahre nach Karolines Tod durch die Veröffentlichung seines Hauptwerks zu einer Zentralfigur der deutschen Hochromantik. Ausserhalb der Wissenschaft ist Professor Creuzer aber schon 1804, als Karoline ihm begegnet, ein unansehnlicher, früh verwelkter Mann, unglücklich verheiratet mit der sehr viel älteren Witwe seines akademischen Lehrers, die er aus Dankbarkeit übernommen hatte.

«Incipit tragoedia», schreibt Creuzer, als die Liaison ihren Lauf nimmt. In vielem ähnelt das Gezerre der folgenden zwei Jahre aber eher einer Klamotte, mit Creuzers hasenfüssigem Zickzack zwischen Scheidungsabsicht und Rückkehr zur Hausmutter, seinen pathetischen Schilderungen von Szenen sexueller Verweigerung oder gar Erpressung, mit Karolines Visionen eines harmonisch-schönen Doppelselbstmords, mit den ständigen Interventionen der spiessigen Freunde (einschliesslich Savignys).

Das Ende freilich ist traurig: Als Karoline die Nachricht erhält, dass Creuzer ihrem Verhältnis feierlich entsagt habe, bricht sie mit einem Dolch, den sie eigens für diesen Zweck besorgt und schon mehrfach bedeutungsvoll vorgezeigt hatte, zu einem Spaziergang auf und ersticht sich am Ufer des Rheins.

Zwei Lesarten bieten sich für die Deutung dieser Lebensgeschichte an. Die eine, zuletzt durch Christa Wolf breitenwirksam vertreten, sieht in der Günderrode ein Opfer, nicht nur Creuzers, sondern generell einer patriarchalischen Gesellschaft, die schreibende Frauen nicht zur Entfaltung kommen liess, wenn sie nicht auf den für sie vorgesehenen Nischenplätzen (empfindsamer Roman, Erbauungsliteratur) verharrten. Karoline, die sich an heroischer und philosophischer Dichtung versuchte, war, wie zahlreiche Zeugnisse belegen, den Herren zu «männlich». Dass eine andere aufmüpfige Frau, Bettina Brentano, ihr 1840 durch ihren Briefroman «Die Günderode» ein Denkmal setzte, passt in dieses Bild. Von Männern in den Tod getrieben, von solidarischen Frauen wiederbelebt - Karoline von Günderrode triumphiert postum als Ikone des Feminismus.

Wille zum Absoluten

Dagegen hat Hannelore Schlaffer 1998 im Nachwort zu ihrem Günderrode-Auswahlband eine provozierende These aufgestellt: Das grösste Kunstwerk, das Karoline geschaffen hat, war dieses Lebensschauspiel, das in einem hochdramatisch inszenierten, anspielungsreichen Freitod gipfelte. Die erdolchte, halb in den Rhein gesunkene Karoline ist Ophelia, sie ist die Aurelie aus Goethes «Wilhelm Meister», erinnert aber auch an Sappho und Emilia Galotti. Schlaffer schlägt von hier aus den Bogen zum eigentümlich Gewaltsamen des Werks, zum Eindruck des ideell Überspannten, Angelesenen, den viele Texte hinterlassen.

«Im Gedicht, in der lyrischen Gedankenprosa leistet sie Ausserordentliches», schrieb Christa Wolf. Das ist wohl tatsächlich ein Fehlurteil. Es gibt in den Gedichten der Günderrode einen mit beinahe narzisstischer Wut durchgehaltenen Willen zum Absoluten, zu letzten, höchsten Vereinigungserfahrungen, der sie stilistisch weithin nicht über das Deklamatorische hinauskommen lässt. «Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe», hat Hölderlin, dem sie sich zu Recht verwandt fühlte, einmal selbstkritisch gesagt und sich die Hinwendung zum «Gemeinen und Gewöhnlichen» als poetische Korrektur auferlegt. Vielleicht hätte auch Karoline von Günderrode sie vollzogen, hätte sie der Sehnsucht ins Ungebundene nicht so früh nachgegeben.

 

 

  sz-online

                  Sachsen im Netz

 

Im Schatten der Trauer
Monika Melchert

Die Aussenseiterin Karoline von Günderrode starb vor 200 Jahren.

Vor zweihundert Jahren nimmt sich eine junge Frau, 26 Jahre alt, das Leben. Sie ersticht sich und ertränkt sich gleichzeitig im Rhein. Sie war schön, begabt und begeisterungsfähig, und sie zog durch ihre Gedichte die Aufmerksamkeit bedeutender Männer auf sich. Warum aber schien ihr das eigene Leben vertan, hoffnungslos ihre Zukunft, enttäuscht ihre Liebesbereitschaft?
Die bekannte Autorin Dagmar von Gersdorff geht in ihrem Buch all diesen Fragen behutsam und mit großer Sachkenntnis nach. Nun entsteht endlich ein deutliches Bild dieser ungewöhnlichen Frau, von der man kaum etwas Genaues wusste. Ihr Name wird, wenn überhaupt, in den Literaturgeschichten stets nur als eine Randerscheinung erwähnt. Ein wenig anders wurde es erst, als Christa Wolf 1979 ihre Geschichte „Kein Ort. Nirgends“ veröffentlichte, in der sie – „erwünschte Legende“– von einer möglichen Begegnung Heinrich von Kleists und Karoline von Günderrodes in Winkel am Rhein erzählt, eben dort, wo die junge Frau dann ihr Leben beendet, wenige Jahre vor Kleists Selbstmord am Wannsee in Berlin.

Dagmar von Gersdorff, die sich in der literarischen Welt zwischen Klassik und Romantik sehr genau auskennt, kann auch der Dichterin Günderrode Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nicht alles hat Bestand, aber doch einige Dramenversuche und vor allem die Gedichte, hochsensibel und von einem ganz eigenen Ton getragen. In einem davon findet sie den Begriff „Trauerschatten“ für einen Zustand, der Karolines Gemütslage sehr nahe kommt. Da war vieles vorausgegangen, was die älteste Tochter einer verarmten Adelsfamilie dahin gebracht hatte, mit dem Leben zu hadern: Sie wird ins vornehme Damenstift nach Frankfurt gesteckt, wo normalerweise nur ältere adlige Fräulein sich zurückziehen. Karoline aber ist siebzehn Jahre jung. Da spart die verwitwete Mutter wenigstens eine Mitgift. Das Mädchen kann dem geselligen Treiben ihrer Altersgefährtinnen und Schwestern nur aus der Ferne zusehen. Ihre Zuflucht wird das Schreiben, und außergewöhnlich starke Interessen an Ästhetischem und Naturwissenschaftlichem machen ihre Welt reicher. Eine der wichtigsten Beziehungen dieser Jahre ist die Freundin Bettine Brentano, eine Seelenverwandte.

Dazu zwei große Liebesgeschichten, die beide scheitern: zu Carl von Savigny, der jedoch der reichen Schwester der Bettine den Vorzug gibt, und vor allem zu dem Gelehrten Friedrich Creuzer, einem verheirateten Professor, der ihr lange Zeit Hoffnungen macht, sich ihretwegen scheiden zu lassen. Doch am Ende begeht er bösesten Verrat an ihr. Hatte er anfangs noch Karolines Gedichte, unter einem männlichen Pseudonym, zum Druck befördert und sie zum Weiterschreiben ermutigt, zieht er sich bald auch davon zurück, ja er vernichtet sogar alle Texte, die auf ihre heimliche Beziehung hindeuten. Beiden Männern war sie offenbar eine zu starke Persönlichkeit, zu selbstständig, zu klug. Die Konvention siegt über das Gefühl, und das ist für eine Frau wie die Günderrode zerstörerisch. Sie wurde zur Außenseiterin gemacht, ihr scharfer „männlicher“ Verstand ließ sich leicht als „unweiblich“ denunzieren. Dabei muss sie in Wahrheit von sanfter Weiblichkeit gewesen sein. Ohne Liebe konnte sie nicht leben, ohne Menschen, auf die sie vertrauen konnte, wurde alles sinnlos.

Als das aufgeregte Gerede um ihren Freitod sich gelegt hat, wird sie schnell vergessen. Nur die treue Freundin Bettine, inzwischen die Witwe Achim von Arnims, hält in ihrem biografischen Roman „Die Günderode“ (1840), wenn auch nicht ohne freie Fantasie und mancherlei Umdichtungen, ihr Bild für die Nachwelt fest. Fast hundert Jahre später nennt Anna Seghers in ihrer Rede auf dem Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 im Pariser Exil auch Karoline von Günderrode: Sie gehöre zu den besten deutschen Dichtern, die an den gesellschaftlichen Mauern ihrer Zeit scheitern mussten und doch als Beispiel für tiefe Vaterlandsliebe stehen. Dagmar von Gersdorff hat mit ihrem wunderbaren Buch der Dichterin ein endgültiges Bleiberecht in der Geschichte der deutschen Literatur verschafft.

  

 

dieStandard.at

 

Das Jenseits-Licht der Liebe

Vor 200 Jahren erdolchte sich Karoline von Günderrode aus unglücklicher Liebe. Künstlerinnen wie Meret Oppenheim oder Christa Wolf entdeckten die Dichterin wieder

 

Wien - "Der Schatten eines Traumes", "Kein Ort. Nirgends": In diesen Büchern entdeckt Ende der Siebzigerjahre Christa Wolf, DDR-Autorin, Karoline von Günderrode wieder. Das Leben dieser 1780 geborenen Romantikerin veranschaulicht für sie die Schwierigkeit, als Frau in Zeiten nachrevolutionärer Kleinbürgerlichkeit für eine Idee zu leben. Ließ sich daraus auch für die Verteidigung sozialistischer Utopie und die Korrektur realsozialistischer Wirklichkeit etwas lernen?

"Liebe" war für die Romantik nicht nur eine private Angelegenheit - sie war der Inbegriff eines Zusammenhanges aller Dinge, den es in der empirischen Wissenschaft, der Philosophie und der Ästhetik zu ergründen galt. Diese Epoche legte selbst Bergwerke in Phasen höchster Ergiebigkeit still: Erzen sollte Ruhe eingeräumt werden, um sich zu erholen und zu vermehren.

Frauen allerdings, die sich nicht mehr auf das Private beschränkten, sondern gesellschaftswirksam an der Idee mitarbeiten wollten, wurden der Allgemeinheit zum Skandal. Als Autorinnen mussten sie männliche Pseudonyme annehmen; Freunde vertraten sie gegenüber den Verlagen.

Erstmals wurden öffentlich jene Geschlechterrollen infrage gestellt, in denen zwar Männern, aber nicht Frauen gestattet war, sich selbst zu erfinden.

"Unweibliches" Philosophieren

Karoline von Günderrode emanzipierte sich durch ihr "unweibliches" Philosophieren im Dichten. Genau diese Eigenart macht viele ihrer literarisch ehrgeizigsten Texte heute schwer lesbar, nur noch historisch interessant: Die romantische Philosophie Herders und Schellings wird da in Fragmenten bebildert und kaum weniger abstrakt abgehandelt als in Begriffen: der Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart, Freiheit und Gefangenschaft, Liebe, Freundschaft und Verrat spielen in mythischem und orientalischem Dekor. Die Helden leben, um in heldenhafter Zeit recht heldenhaft zu sterben.

Und dennoch macht diese Orientierung am Gedanken jene anderen Texte Günderrodes erst möglich, die heute immer noch direkt zu uns sprechen. So wie in ihrem Gedicht Vorzeit, und neue Zeit: "Des Glaubens Höhen sind nun demolieret. / Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand, / Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuhen."

Die abstrakte Utopie wird im Leiden daran konkret, dass sie sich im wirklichen Leben nicht erfüllt. Sie schärft den Blick für dieses Leiden und verleiht ihm Kompromisslosigkeit und Sprache. Als eine Freundin damit kokettiert, aus Sorge um Ruhe und Seelenheil "nicht mehr lieben" zu wollen, mahnt Günderrode, nicht ein "System von politischer Ökonomie" in "Empfindungen" zu mischen.

Die Entschlossenheit, mit dem eigenen Gefühl nicht haushalten zu wollen, befreite Günderrode aber nicht von der Politik der Gefühle. "Freude kann mir nur gewähren, / Heimlich diesen Wunsch zu nähren, / Mich in Träumen zu bethören, / Mich in Sehnen zu verzehren / Was mich tödtet zu gebähren."

Verbotenes Begehren

So endet ein Gedicht, das sie aus Rücksichtnahme von "Der Einzige" auf "Die Einzige" umbenannte. Im Umfeld ihrer romantischen Dichterfreunde Bettina und Clemens von Brentano, Karl und Gunda von Savigny hatte Günderrode den Altertumswissenschafter Friedrich Creuzer kennen gelernt, einen schrecklich netten, verheirateten Mann.

Die Rhetorik der literarisch ehrgeizigeren Texte bekommt in den Briefen eine neue Bedeutung. Sie verbirgt einerseits die verbotene Beziehung vor der Öffentlichkeit; andererseits drückt sie eine Selbstentfremdung in der Leidenschaft aus: zum Beispiel, wenn Günderrode Creuzer abwechselnd duzt, ihn und sich selbst dann aber wieder mit "Freund" anspricht oder "Eusebio": "Der Freund war eben bei mir; er war sehr lebendig, und ein ungewöhnlich Rot brannte auf seiner Wange. Er sagte, er habe im Morgenschlummer von Eusebio geträumt, wie er ganz mit ihm vereint gewesen und mit ihm durch reizende Täler und waldige Hügel gewandelt sei in seliger Liebe und Freiheit. Ist ein solcher Traum nicht mehr wert als ein Jahr meines Lebens?"

Der Stich ins Herz

Am 26. 7. 1806, Creuzer hat eben das Verhältnis beendet, erdolcht sich Karoline von Günderrode am Ufer des Rheins. Die Waffe ist antik verziert; wie genau der Stich ins Herz zu führen sei, hat sie von einem Chirurgen erfragt. "Sie war dem Leben abgeneigt. Sie wollte Stärke beweisen (&). Das waren in ihrer Vorstellung Kämpfe, in einem idealistischen Sinn durchzustehen. Aber natürlich, wer kann heute Held sein, in antikem Sinn." So urteilt Anfang der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts nicht Christa Wolf, sondern Meret Oppenheim, Schweizer Künstlerin mit Sinn für das Unangepasste.

Oppenheim stellt dem gedanklichen Utopismus der Günderrode eine Sprunghaftigkeit gegenüber, die sich gegen die Systematik der Gedanken richtet. Die "hymnischen Gespräche", welche Bettina von Arnim in ihrem Briefroman Die Günderrode40 Jahre nach dem Selbstmord ihrer Freundin herausgab, würden sich gerade deshalb gegen die literarisch feste Form wehren. Jeder der beiden Freundinnen widmete die Künstlerin ein Bild: "Im Bild Für Karolinevon Günderrode ist keine Bewegung drin", so Oppenheim. "Und nur aus dem Hintergrund kommt ein Licht, ein Jenseits-Licht. Alles ist starr." (Christoph Leitgeb/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.7. 2006)

 

 

      

Fühlbarer Mangel an Kommilitonen

Rezensiert von HANNELORE SCHLAFFER - 29-08-2006

KAROLINE VON GÜNDERRODE: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-Kritische Ausgabe. Herausgegeben von Walter Morgenthaler. Drei Bände: Texte.Varianten und ausgewählte Studien. Kommentar. Stroemfeld Verlag, Basel und Frankfurt 2006. 487, 494 und 437 Seiten. Zus. 48 Euro.
KAROLINE VON GÜNDERRODE: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Texte. Sonderausgabe. Verlag Stroemfeld, Basel und Frankfurt am Main 2006. 487 Seiten, 19,80 Euro.
DAGMAR VON GERSDORFF: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006.
284 Seiten, 19,80 Euro.

„Des Unglücks harten Schlag mit stillem Sinne dulden / O Tochter ziemet deiner edlen Seele wohl! / Dich fordert Attila, er wird dir gern vergeben, / Als Königin begrüßen die Gesandten dich; / Geschenke schickt er dir, an Gold und an Geschmeide, / Und Friede giebt er mir um meiner Tochter Hand.“ Wie könnte Hildegund ihrem Vater Herrich widerstreben, der durch ihre Ehe mit dem Hunnenkönig Attila sein Reich vor Verwüstung retten will; wie könnte sie diesem großen Ziel nicht freudig die Liebe zu ihrem Verlobten Walther von Aquitanien zum Opfer bringen!
Die Szene aus Karoline von Günderrodes unveröffentlichtem Drama „Hildegund“ zeigt, was aus einer Schülerin Schillers werden kann: eine Träumerin, die in hohen Worten hohe Tugenden preist, die von Heldinnen träumt, die, zwischen Pflicht und Neigung wählend, sich schließlich als Märtyrerinnen ihrer Mission opfern; eine Dichterin, die den Adel der Sprache in steilen Substantiven und steifen Genitivkonstruktionen zu fassen meint, die stolz im Marschschritt des fünffüßigen Jambus einherschreitet; eine Dilettantin, deren Anspruch die Freunde nicht übersehen können und nachsichtig fördern, die aber scheitern muss, weil sie am liebsten sich selbst in eine ihrer edlen Figuren verwandelt hätte.
Der Selbstmord, in den ein solcher Lebensentwurf mündet, hat Karoline von Günderrode selbst zur poetischen Figur gemacht, an der das Interesse bis heute nicht erloschen ist. Die Nachfrage nach ihrem Werk scheint groß zu sein, glaubt man den Ausgaben, die zum Gedenken an ihren 200. Todestag veranstaltet wurden, an jenen 26. Juli 1806, an dem sie sich, erst 26 Jahre alt, in Winkel am Rhein erdolchte. Die dreibändige „Historisch-Kritische Ausgabe“ von Walter Morgenthaler, 1991 erschienen, bietet nun der Verlag Stroemfeld als Paperbackausgabe verbilligt an, dazu den ersten der drei Bände dieser Ausgabe für weniger spezialisierte Leser als Einzelband.
Ach, wäre ich Hyperion!
Die Historisch-Kritische Ausgabe geht mit dem Werk der Günderrode wie mit dem Hölderlins um, versieht es mit einem akribischen Kommentar und einem Lesartenapparat. Der erste Band enthält alle publizierten und unpublizierten Werke, der zweite unter anderen Notizen die Studienbücher, die zeigen, welche Bildungsmöglichkeiten in jener Zeit für eine Frau bestanden. Günderrodes Auszüge aus Schleiermachers Religionsphilosophie, aus Fichte, Hemsterhuis und Friedrich Schlegels „Athenäum“, führen die imaginäre Lehrerschaft vor, die sie sich gewählt hat. In ihren Werken kopiert sie die große Autoren ihrer Zeit, immer ist sie, auch wenn sie dichtet, mehr Leserin als Autorin. Das „Apokalyptische Fragment“, bekannt durch Bettinas verzweifelten Aufschrei, als sie dieses philosophische Gebet lesen musste, schreibt die Günderrode als Jean Paul, die „Briefe zweier Freunde“ aus dem Almanach „Melete“, dessen Publikation durch ihren Tod verhindert wurde, als Hölderlins Hyperion, ihre Balladen dichtet sie als Ossian. Einen eigenen Stil, ein eigenes Thema, wie später die Droste, findet sie nie.
Die große Ausgabe führt die gewaltige Anstrengung vor Augen, die die Günderrode unternahm, um dem geistigen Anspruch zu genügen, den ihr die berühmten Männer ihrer Zeit vorgaben, den sie aber nicht zu erfüllen vermochte. Das heißt nicht, dass sie zum Philosophieren und Dichten nicht begabt gewesen wäre, es heißt vielmehr, dass ihr die Umgebung fehlte, in der sich ihre Fähigkeiten hätten entwickeln können. Auch wenn die romantischen Dichter und Philosophen Frauen in ihren Kreis aufnahmen, sie sogar anleiteten, Romane zu schreiben – die Frauen blieben dennoch stets außerhalb der männlichen Freundschaften, waren von dem einen oder anderen auserwählt und in die Nähe gezogen; nie bewegten sie sich unter den Männern mit jener Selbstverständlichkeit und Häufigkeit, die es braucht, um fremde Gedanken der eigenen Begabung anzupassen. Immer musste Liebe im Spiel sein, ehe die intellektuelle Kommunikation überhaupt begann, und immer verbog das Gefühl die geistige Auseinandersetzung. Die romantischen Frauen konnten sich nicht als Studentinnen auf Universitäten die Freunde zu suchen, die ihrem Talent entsprachen, sie suchten das Herz, von dem sie hofften, dass ihm an ihrer Bildung gelegen sei.
Im Gedächtnis der Nachwelt treten daher alle romantischen Frauen als Liebesheilige und Märtyrerinnen auf und bleiben so ein unerschöpfliches Thema für Romane und Biografien. Alle diese Frauen – Caroline Schlegel, Bettina Brentano, Therese Huber – waren extrovertiert und schrieben viel, die Günderrode hat ihnen den Vorteil ihres frühen und gewaltsamen Todes voraus. Der Stich ins Herz beweist – so will es die Legende – ihre poetische Sendung, das Opfer gilt als Ersatz für die poetische Leistung. Die Nachwelt irrt bei ihrer Neugier auf weibliche Figuren nicht: Die Romantiker selbst haben das Leben als Werk verstanden, wollten es aus der Konvention herausführen und zum Kunstwerk gestalten. Die Frauen waren für ihre Freunde die Inkarnation dieser Idee. Autobiografische Schriften, Notizen, Tagebücher, Briefe häufen sich deshalb in dieser Epoche. Ein Nachteil der Historisch-Kritischen Ausgabe ist es daher, dass sie keine Briefe der Günderrode enthält.
Wenn es zulässig ist, dass Literaturwissenschaftler das Werk eines Autors interpretieren, so ist es seit der Romantik auch sinnvoll, ein Dichterleben zu deuten, das heißt, es durch eine Biografie zu erschließen. Zum Gedenkjahr legt denn auch Dagmar von Gersdorff eine Biografie der Günderrode vor, die genau ist in allen Daten und einseitig in der Auslegung der Lebenstragödie. Die Günderrode habe vor allem geliebt, stellt die Autorin fest, und es sei nicht auszudenken, wie rücksichtslos die Männer dieses liebenswürdige Herz ausbeuteten. Selbst der rechtschaffene Carl von Savigny, der, „vorwiegend an seine Karriere denkend“, die Freundin der Günderrode, Gunda Brentano, heiraten sollte, erscheint in Gersdorffs Biografie als Macho, der sich nicht ungern zwei Frauen gehalten hätte: „Savigny möchte beide Frauen für sich haben. Für (die Günderrode) galt immer wieder: zurücktreten müssen, verstummen müssen. Man hat ihr eine Lektion erteilt.“
In Wirklichkeit findet im Kreis der Brentanos, zu dem auch Savigny und das „Günderrödchen“ gehörten, nichts anderes statt als eine Partnersuche unter Zwanzigjährigen, bei der es einige Zeit dauert, bis sich die Betroffenen festlegen können. Wie lange hat nicht Achim von Arnim gezögert, wie leidenschaftlich hat er nicht andere Frauen umworben, ehe er sich für Bettina Brentano entschied, um von da an mit ihr den Inbegriff des romantischen Paares darzustellen! Sind Vermutungen überhaupt und noch dazu solch populäre, ob ein Mann lieber eine oder zwei Frauen hätte, einer Biografie angemessen? Auf eine psychologisch kompliziertere Deutung verzichtet Gersdorff, obgleich doch die Hartnäckigkeit, mit der sich die Günderrode ins Abseits einer jeden Kommunikation zu bringen weiß, unübersehbar ist. Wie gern wählt sie zudem besetzte Männer, bis sie schließlich den mit einer dreizehn Jahre älteren Frau verheirateten Gelehrten Friedrich Creuzer findet, der ihren Drang zu Philosophie und Entsagung so aufstachelt, dass der Selbstmord zur letzten Lösung wird.
Bei einer Personenbeschreibung, wie sie Gersdorff wählt, um ihre Biografie zu beginnen, kann allerdings eine komplizierte Perspektive nicht erwartet werden. Die Günderrode ist hier von Gestalt ein Engel, von Gemüt ein Lamm, ganz so wie in Bettina Brentanos Buch über die Freundin. Auch bei Gersdorff ahnt man in Günderrodes „schmalem Gesicht“ mit den lebendigen Augen nichts von der Beleidigtheit, die um Mund und Nase spielt, wie es die wenigen Porträts von ihr zeigen. Quellen übernimmt Dagmar von Gersdorff stets wörtlich, vor allem zitiert sie Bettina Brentanos Günderrode-Buch gläubig. Dabei ist für die eitle Bettina die Freundin nur der Filter, um viel über sich selbst zu sagen: alle Biografien, die ihrer Freunde wie die ihres Bruders, schreibt Bettina als Autobiografien.
Ein wenig Einfluss aufs Ewige
Die Günderrode, ganz Kind ihrer Epoche, neigt nicht weniger als Bettina zur Selbstauslegung, nur ist sie auf andere Tugenden stolz als diese. „Die Leute sagen“, so wehrt sie sich, „ich sei unnüz weil ich kein Geschäft treibe, u ich arbeite doch durch den Einflus den ich auf manches Gemüth habe, für das Ewige.“ Auf sich aufmerksam zu machen durch Verzweiflung und Entsagung war das Ziel der Günderrode. Der zeittypische Narzissmus, die Erfindung der Selbstdarstellung als leidender Künstler ist es, was sie als Objekt für historische Studien tauglich und zur Ikone für die Nachwelt macht, nicht ihr epigonales Werk.

HANNELORE SCHLAFFER
 

 

Artikel erschienen am 23.09.2006

  

Bücher von Frauen

Kolumne: Günderrödchens Untergang

Karoline von Günderrode ist uns in den 200 Jahren seit ihrem Tod mehr durch zwei Schriftstellerinnen als durch ihr eigenes Werk bekannt geblieben.

Von Ruth Klüger

Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Das Leben der Karoline von Günderrode. Insel, Frankfurt/M. 284 S., 19,80 EUR.


Die eine, ihre Zeitgenossin und Freundin, ist Bettine von Arnim, in deren Briefroman "Die Günderode" (die richtige Schreibart ist Günderrode) sie als Lichtgestalt und romantisches Menschenideal aufscheint. Die andere ist Christa Wolf, in deren Roman "Kein Ort. Nirgends." die beiden Selbstmörder Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode in ihrem Zerwürfnis mit ihrer Zeit einander als verwandte Seelen erkennen. Christa Wolf hat auch eine Auswahl der Werke in dem Band "Der Schatten eines Traumes" herausgegeben und mit einem langen Essay versehen, der sowohl feministisch wie marxistisch geprägt ist.

Das Drama der begabten Frau

Die Biographie der Dagmar von Gersdorff vertritt eine anregend feministische Sicht auf das Leben einer begabten Frau, zu einer Zeit als Frauen ohne Männer es schwer hatten. Die Biographin nimmt kein Blatt vor den Mund. Zum Beispiel empört sie sich über Clemens Brentano, der Karoline den Hof machte, beziehungsweise ihr nachstellte: "Unglaublich, welche Frechheiten sich ein Mann bei einer allein lebenden, unverheirateten Frau erlauben durfte, die sich solcher Zudringlichkeit nicht erwehren konnte."

Karoline von Günderrode (1780-1806) war das älteste Kind einer verarmten Familie und wurde von ihrer verwitweten Mutter schon als 18jährige in ein evangelisches Stift für unverheiratete adlige Damen in Frankfurt gesteckt, als Ausnahmefall, denn sie war zu jung. Sie lebte also unter älteren Frauen und war "versorgt", doch die Biographin meint, wohl mit Recht, die Wärme und Zuwendung einer intakten Familie habe ihr lebenslänglich gefehlt.

Mutter und Tochter blieben sich fremd. Doch hatte sie im Stift eine gewisse Unabhängigkeit. In Frankfurt verkehrte sie in Kreisen, die wir heute als intellektuell bezeichnen, vor allem in der Familie Brentano. Sie konnte reisen, was sich auf Besuche bei Verwandten und Bekannten beschränkte, und sie konnte lesen, schreiben und lernen, aber natürlich nicht studieren.

Ihre Bildung war Privatangelegenheit und wurde nicht unbedingt gebilligt, nicht einmal von ihren literarisch beschlagenen Freunden. Einerseits beeindruckte ihr ungewöhnliches Wissen und ihr dichterisches Talent; andererseits musste sie sich anhören, dass sie für die Ehe "nicht geschaffen" sei und wurde gleichzeitig belehrt, dass ein "männlicher Geist in einem Weibe" unnatürlich sei. Philosophie sei unpassend für Frauen, ebenso das dichterische Verarbeiten von Weltgeschichte, bekam sie, die begeistert Schelling und Schiller las, zu hören.

Diese Mischung von Bewunderung und Abwehr trieb sie in eine geistige Sackgasse. Hinzu kam, dass sie, wie jeder normale Mensch, sich nach einem Liebesleben sehnte und nicht recht einsah, warum geistige Betätigung unvereinbar mit Weiblichkeit sein sollte.

Ihre erste große Liebe war Savigny, der spätere preußische Justizminister, der schließlich eine der Brentano Schwerstern heiratete, die, in der Sicht der Biographin, besser im Zugreifen war als die Günderrode. "Karoline wiederum hatte aus Unsicherheit und Selbstzweifeln ihre große Liebe an eine andere Frau abgetreten", schreibt Gersdorff..

Karoline kränkelte, hatte ein Augenleiden und war von häufigen Kopf- und Brustschmerzen heimgesucht. Ob das psychosomatische Symptome waren, ist nicht feststellbar. An den Krankenbetten von Freunden und Verwandten - einschließlich ihrer Schwestern - musste sie zuschauen, wie junge Menschen starben. Der Tod war nicht nur Thema ihrer Dichtung, er umgab sie im Leben. Der Dolch, den sie auf allen Reisen bei sich hatte war kein romantisches Spielzeug: Ein Chirurg hatte ihr gezeigt, wie man sich sachgerecht ersticht. "Der Besitz des Dolches war für Karoline das Unterpfand ihrer Freiheit."

Ihre wichtigste Freundschaft war wohl die zu der mehrere Jahre jüngeren Bettine Brentano, die ihr praktisch zu Füßen lag. Gersdorffs Buch beschreibt diese Beziehung zweier geistig ehrgeizigen jungen Frauen anschaulich und zitiert viel aus Bettines Günderode-Buch. Dabei wird Bettine als Gestalt lebendig: quecksilbrig, aufgeschlossen und großzügig. "Es war eine Beziehung, die der homoerotischen Komponente nicht entbehrte", meint die Biographin.

Umso mehr trifft es beide Freundinnen, wenn Karolines zweite große Liebe, der Altertumsforscher Friedrich Creuzer, ihr die beste Freundin so vergällt, dass sie sich weigert, diese wieder zu sehen. Gersdorff beschreibt anschaulich, wie Bettine bettelnd vor Karolines Türe steht und keinen Einlass findet, weil der Geliebte es mit gehässigen Worten verboten hat.

Auch über die anderen Männer um Karoline hat Gersdorff wenig Gutes zu sagen. Aber die größte Verachtung spart sie für Creuzer auf. Creuzer war Professor in Heidelberg, verheiratet mit einer 13 Jahre älteren Professorenwitwe, die Kinder in die Ehe brachte und ihn erotisch kalt ließ, wenn nicht geradezu abstieß. Er verliebte sich Hals über Kopf in die Günderrode - ihre Freunde nannten sie merkwürdigerweise alle beim Nachnamen, oft in der Verkleinerung "Günderödchen" -, versprach, sich scheiden zu lassen, überlegte es sich anders, zog eine ménage à trois in Erwägung, wollte sie dann wieder nur als Geliebte in der Nähe haben und ließ sie schließlich schlicht sitzen, mit einem Abschiedsbrief, der ihr aus dritter Hand zugestellt wurde. Daraufhin machte Karoline einen Spaziergang an den Rhein und nahm sich im Alter von 26 Jahren mit einem wohlgezielten Dolchstoß das Leben.

Von den Männern verlassen und betrogen

Gersdorff lässt kein gutes Haar an Creuzer, und er hat es wohl tatsächlich nicht besser verdient: "Creuzer verstand es meisterhaft, mit seinen Fehlern zu kokettieren und gleichzeitig, Männlichkeit betonend, Macht zu demonstrieren und sich in der Attitüde des Herrschers zu gefallen." Die Männer, die ihm von Karoline abrieten, hatten seine Finanzen und sein Wohlergehen, nicht das ihre, am Herzen. Sie faszinierte, aber war nicht ernst zu nehmen im Vergleich zu der akademischen Karriere eines ordentlichen (in jedem Sinne) Professors. Sie wurde "verlassen und betrogen", so Gersdorff, und ihm war noch ein langes Leben beschert.

Sie hinterließ eine kleine Anzahl von sehr schönen Gedichten. Der Rest ihres Werks findet heute wenige Leser und ist auch für die Frauenliteratur schwer erschließbar. Ihre Gestalt und ihr Leben hingegen haben noch immer etwas "Zaubrisches", um ein Kultwort ihrer Generation auf sie anzuwenden.


Ruth Klüger ist Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin.